DAS FIEBER

Das Fieber zeigt den Kampf gegen Malaria − als Fallstudie über menschliche Gier und ungebrochenen Mut.

SYNOPSIS

Malaria hat mehr Menschen getötet, als alle anderen Krankheiten und alle Kriege dieser Erde zusammen. Südlich der Sahara stirbt immer noch alle 60 Sekunden ein Kind.
Was wäre, wenn es eine alte Heilpflanze gäbe, die den Malariaparasiten besiegen und tausende Menschenleben retten könnte? Tag für Tag?
Die Widerstände sind enorm: Pharmakonzerne fürchten um ihre Profite. Großspender wie Bill Gates wollen kommerzielle High-Tech-Lösungen. Sie bevorzugen alte koloniale Muster und beuten einen geplünderten Kontinent weiter aus. Nicht einmal die WHO - von weißen Philantropen und ihren Marktstrategien längst entmachtet - glaubt an lokale Lösungen.
Das Fieber wechselt die gewohnte Perspektive und begleitet drei packende Protagonist_innen in Kenia und Uganda, deren Arbeit Millionen Menschenleben retten könnte. Entstanden ist ein Dokumentarfilm über das Wechselspiel von Macht, Gier und ungebrochenem Mut.

ProtagonistInnen

Rehema Namyalo

Heilpraktikerin in Masaka, Uganda.

Die alleinerziehende Mutter von drei Kindern führt eine kleine Klinik in ihrer Heimatstadt. Sie arbeitet unnachgiebig an der Verbreitung des Wissens über Artemisia annua als Malariaprophylaxe. Jeder kann die Pflanze selber anbauen und seine Familie eigenständig und kostengünstig vor Malaria schützen.

„Wenn ein Großteil einer Gemeinde sich selbst mit Artemisia behandelt, dann verdient die Regierung keine Steuern, so wie bei importierten Medikamenten. Auf Heilkräuter gibt es nämlich keine Steuern.“

Richard Mukabana

Professor für Biologie an der Universität Nairobi, Kenia.

Nach seinem Studium in den Niederlanden und den USA ging Richard zurück nach Kenia um ökologisch-nachhaltige und lokale Mittel gegen Malaria zu finden. Allerdings wurde ihm bald bewusst, dass Fördergeber wie die Gates Foundation kein Interesse daran haben, gemeindebasierte, technisch einfache Lösungen zu fördern.

„Wir sind nichts als Feldarbeiter und Lastenträger. Es ist eine Form des Neokolonialismus.“

Patrick Ogwang

Pharmakologe auf der Mbarara Universität der Wissenschaft und Technik, Uganda.

Patrick leitete eine klinische Studie über die Wirksamkeit von Artemisia Tee auf einer Blumenfarm neben dem Viktoriasee mit über tausend Mitarbeiter_innen. Das Ergebnis: 85% Reduktion der Malariaerkrankungen. Er konnte nachweisen, dass Artemisia Millionen von Menschen in Afrika retten könnte – wenn Pharmakonzerne aufhören würden, die WHO unter Druck zu setzen und Artemisia Tee zu verbieten.

„Als ich mit dieser Studie zur Malariaprävention begann, warnten mich viele Leute. Diejenigen, die von dem Medikament Profit machen, würden mich umbringen.“

Paul Mwamu

Lehrer in Nyabondo, Kenia.

Fast alle Kinder in seiner Klasse haben Familienangehörige durch Malaria verloren. Er unterrichtet sie in Malariaprävention, doch finanzielle Probleme in zahlreichen Familien machen es unmöglich für viele Schüler, sich um ihre Gesundheit zu kümmern.

„Wir haben nicht genug zu essen. Viele von ihnen leiden, aber ihre Eltern ziehen es vor das Geld für Essen auszugeben, als sie ins Krankenhaus zu bringen.“

Über den Film

Text von Bert Rebahndl

Ein totes Kind pro Minute – das ist, auf eine zugespitzte Formel gebracht, der Preis, den die Infektionskrankheit Malaria immer noch in Afrika hat. Dem Parasiten Plasmodium falciparum, der durch Mücken übertragen wird, fallen vor allem Kinder zum Opfer, während sich eine globale Industrie darum bemüht, diese Epidemie in den Griff zu bekommen.

Katharina Weingartner begibt sich mit ihrem Film The Fever in eine Gegend, die sie als „Ground Zero“ der Malaria bezeichnet: in die Länder um den Viktoriasee im östlichen Zentralafrika. In Uganda und Kenia findet sie Menschen, die mit lokalen Strategien gegen die Malaria vorgehen. Die Pflanze Artemisia annua zum Beispiel enthält Wirkstoffe, die – als Tee verabreicht – das Immunsystem in die Lage versetzen, mit einer Infektion fertig zu werden.

Die Aktivistin Rehema Namyalo hat es sich zur Aufgabe gemacht, der traditionellen Kräutermedizin wieder stärkere Geltung zu verschaffen. Sie muss dabei gegen Vorurteile kämpfen, die vielfach erst mit der Kolonialherrschaft in Afrika auftauchten: Kräuterfrauen galten den christlichen Missionaren als Hexen. Aber auch die eigenen Regierungen machen es der Bevölkerung nicht leicht: Rehema durchschaut, dass die Behörden in Kampala und Nairobi eher mit den globalen Pharmakonzernen im Bunde stehen, als mit der Bevölkerung.

In The Fever werden die weltweiten Zusammenhänge sichtbar, von denen das Schicksal so vieler armer Patienten abhängt: eine Pharmafirma wie Novartis in der Schweiz verteidigt ihre Märkte für das geläufigsten Malariamedikament; die Bill and Melinda Gates Foundation hat mit einem Konzern (Glaxo Smith Kline) einen Impfstoff entwickelt, der nicht funktioniert; die Weltgesundheitsorganisation (WHO) steuert mit ihren Zulassungsprozeduren die Verteilung von Heilmitteln, und zwar meist im Interesse der westlichen Firmen. Die afrikanischen Regierungen folgen den Logiken der kommerziellen Expansion, die Gesundheit zu einem Produkt werden lässt. „There are all kinds of forces behind here“, so erscheint die Situation den Menschen vor Ort.

Katharina Weingartner schildert diese Zusammenhänge strikt aus der Perspektive der lokalen Bevölkerung. Obwohl sie selbst aus Europa stammt, und ihr Film eine Koproduktion dreier deutschsprachiger Länder ist, gelingt es ihr, vollkommen auf die geläufigen Muster zu verzichten: Sie gehört nicht zu dem großen Feld westlicher „Expertise“, für die Afrika ein Fall ist, der mit Hilfe der Rationalitäten, Technologien und Strategien „behandelt“ werden soll, in denen sich die kolonialen Machtverhältnisse von früher wiederholen und bestätigen.

Weingartner wechselt geradezu prinzipiell und solidarisch-feministisch die Seite. Sie begleitet neben Rehema Menschen wie den Wissenschaftler Richard Mukabana, der auf Reisfeldern in Kenia die (Feucht-)Bedingungen vorfindet, die für die Übertragung von Malaria ideal sind. Es waren die englischen Kolonialherren, die den Reisanbau nach Afrika brachten. An anderer Stelle ist es eine Zuckerrohrfirma, die Regenwald vernichtet und mit ihrer monokulturellen Produktionsweise der Verbreitung des Fiebers Vorschub leistet. Auch die wissenschaftliche Arbeit findet fast ausschließlich in den entwickelten Ländern statt: „Wir sind nur Zuträger“, klagt Richard Mukabana, der deutlich erkennen lässt, dass er es vorziehen würde, die Malaria lokal und nicht gleichsam über Afrika hinweg zu bekämpfen.

Dagegen aber stehen riesige Interessenskonstellationen: Moskitonetze werden in Tansania vom japanischen Chemiekonzern erzeugt, das zerstört den lokalen Markt und bewirkt Insektizid-Resistenzen der Moskitos. Einer der spannendsten Exkurse in The Fever führt schließlich nach China. Dort trifft Katharina Weingartner eine Wissenschaftlerin, die schon 1972 das Artemisinin als wichtigsten Wirkstoff gegen Malaria ausgemacht hatte. Die WHO aber wollte das Medikament 30 Jahre lang nicht in die Liste der zugelassenen Malariamittel aufnehmen, obwohl es deutlich weniger anfällig für Resistenzen ist.

The Fever macht Station in Seattle, Basel und Beijing, die eigentliche Recherche aber findet in Afrika statt. Unter Frauen, die von zwölf Kindern sechs an das Fieber verloren haben; unter Grundschullehrern, die mit Kindern die Symptome durchgehen, an denen Malaria zu erkennen ist; in den Wald- und Buschlandschaften, in denen die heilsamen Pflanzen wachsen.

Der Pharmakologe Patrick Ogwang fasst schließlich zusammen: „Wenn wir Afrika von Malaria befreien, befreien wir Afrika von der Armut.“ Einen möglichen Weg zu dieser Befreiung – und zu einer Veränderung der westlichen Hilfspolitik – skizziert The Fever. Einen veränderten Blick auf die Geschichte Afrikas bekommt man noch dazu, denn Malaria ist keineswegs eine Naturgewalt, sondern ein Phänomen, das durch koloniale Veränderungen „natürlich gemacht“ wurde. Immerhin gibt es nun auch Hoffnungen, sie auf natürlichem Weg zu bekämpfen.

INTERVIEW

mit Katharina Weingartner

Wie bist du auf den Themenkomplex von Das Fieber gestoßen?

Bei einer Reise nach Saigon fand ich in einem Reiseführer eine Passage über Artemisia annua, eine Pflanze die derselben Gattung wie Beifuß angehört. Dieses als Malariamittel verwendete Heilkraut aus China sei der Grund dafür, dass Vietnam den Krieg gewonnen hätte. Wenn das stimmt, ist das ein Filmstoff, dachte ich mir. Und hatte keine Ahnung, wohin mich diese Spur führen würde.

Wie wurde die Sache dann konkreter?

Anfangs interessierten uns vor allem die Zusammenhänge zwischen Tropenmedizin und Eroberungskriegen bzw Kolonialismus: wäre die Kolonialisierung Afrikas - abgesehen von den Küstenregionen - ohne dem ältesten Malariamittel Chinin überhaupt möglich gewesen? Die europäischen Soldaten, Missionare und Bauern starben in großer Zahl, während die lokalen Bewohner ab dem fünften Lebensjahr immun waren. Der Parasit war also auch ein wichtiger Schutz gegen Eindringlinge.

Du bist auch auf eine regelrechte Geopolitik der Malaria gestoßen.

Mao und die Amerikaner lagen mit der Malariaforschung in einem jahrzehntelangen Wettrüsten. Der vietnamesische Präsident Ho-Chi Minh fragte Mao zur Unterstützung im Vietnamkrieg nicht nach Waffen, sondern nach Malariamedikamenten.
Die spätere Nobelpreisträgerin Tu Youyou und ihr Team extrahierte 1972 den Wirkstoff Artemisinin aus der Heilpflanze Artemisia annua. Es ist bis heute effektivste Mittel gegen Malaria.

Der Westen wollte das Geschäft aber nicht China überlassen. Zu diesem Zeitpunkt wusste man schon um die Chloroquin-Resistenzen, das war das damals geläufige Medikament, und dass eine riesige Epidemie bevorstand. Bis 2000 starben südlich der Sahara viele, viele Millionen Menschen, niemand kann die Zahlen abschätzen.

Im Film geht es zentral immer wieder um Artemisia annua, also um eine pflanzliche Alternative. Was ist das Besondere daran?

Artemisia ist ein weltweit verwendetes Heilkraut, das in China immer schon vielseitig eingesetzt wurde. Es gibt in ganz Afrika ein eng verwandtes Heilkraut, Artemisia afra, ein uraltes Malaria-Mittel. Es wächst im Grunde an jedem noch so kargen Ort.

Wie die Kräuterexpertin Rehema Namyalo im Film sehr eloquent erläutert, ist Artemisinin nur einer von 240 Wirkstoffen in Artemisia annua. Die Parasiten, die den Kontakt überleben, werden resistent, weil sie nur einem einzigen Wirkstoff ausgesetzt sind. In den Kombinationspräparaten wie Coartem, den ACTs, sind es zwei. Das ist für den Malariaparasiten ein Kinderspiel.

Novartis weiß das ganz genau, und streitet es ab. Die WHO weiß es, und sagt doch, es gibt in Afrika noch keine Resistenzen. Es wird in naher Zukunft eine medizinische Katastrophe geben, denn es gibt noch immer kein anderes Medikament.

Ein weiteres Problem scheint auch das Grundmuster der westlichen Afrika-(Hilfs-)Politik zu sein: Sie ist zu technokratisch.

Das größte Verhängnis technokratisch denkender Institutionen ist, dass die Grundversorgung komplett zum Erliegen kommt. Die Forschungsaufträge sind im Westen, und afrikanische Forscher_innen dürfen das Material beisteuern. "We are nothing but field workers, porters. It´s a form of neo-colonialism", meint unser Protagonist Richard Mukabana, Professor für Biologie an der Universität Nairobi.

Warum stand Bill Gates und die Gates Stiftung lange in Eurem Fokus?

Jahrelang hatten wir den Plan, mit Bill Gates ein Interview zu machen. Er und sein Geld sind die heimlichen Herrscher der Malariawelt. Als größter privater Spender der WHO bestimmt er die globale Gesundheitspolitik. 2008 hatte die Gates Stiftung in einer Pressekonferenz vollmundig angekündigt, dass es 2015 keine Malaria mehr geben würde. Auch davon existieren keine Spuren mehr im Netz. Die Malariaforschung hat laut gelacht. Inzwischen lacht keiner mehr, denn an Gates kommt niemand mehr vorbei.

Irgendwann aber haben wir realisiert, dass uns diese großen Sprüche eigentlich nicht interessieren, die Medien sind voll davon. Wir wollten uns klar auf die Seite der Menschen stellen, die tatsächlich mit Malaria leben, die dagegen kämpfen, die aber niemand hört und sieht. Sie sollten ihre Geschichte selbst formulieren. Die robotisierten Glaspalastwelten, die von ihrem Leid und ihren toten Kindern mitfinanziert werden, wollten wir danach nur stumm abfilmen. Der Novartis Campus in Basel war so wie die Gates Stiftung in Seattle wie gemacht für die Kamera, um diese Widersprüche zu zeigen.

Wie kam es dazu, dass ihr euch schlussendlich gegen eine westliche Erzählperspektive entschieden habt, wie sie von euren deutschen und Schweizer Ko-Produzent_innen und eingefordert wurde?

In sehr vielen Dokumentarfilmen werden immer noch die gleichen postkolonialen Muster reproduziert und Afrika nur zur Bebilderung verwendet. Bei einem Themenkomplex wie Malaria war die Versuchung gegeben, sich auf die skandalösen globalen Verstrickungen zu konzentrieren. Damit wären die Sehgewohnheiten des globalen Nordens bedient, aber die von Malaria betroffenen Menschen müssten abermals als Opfer und Statist_innen herhalten. Es ist absurd, dass bei einer Krankheit, bei denen 90% der Fälle in Afrika südlich der Sahara auftreten, über 90% der Forschungsgelder dafür in Nordamerika und Europa bleiben. Die Betroffenen werden mundtot gemacht und ihnen die Mittel zur Selbsthilfe verwehrt. Uns war es wichtig unsere Protagonist_innen, die ihr ganzes Leben lang mit dem Malariaparasiten in Koexistenz leben, als selbstbewusste Akteur_innen zu portraitieren, die den Kampf gegen die Krankheit sehr wohl selber führen können und wollen.

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Katharina Weingartner © Heribert Corn

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